Wenn Eltern von ihren Kindern lernen -oder: warum Reisen heute ganz anders bildet als früher

Meine Eltern waren in Rom! Neben allerlei lustigen Ereignissen haben sie auch eine ganz große Empfehlung. Sie schreiben aus reiner Überzeugung. Aber lest selbst:

Ja früher, da war einfach alles anders. Da sagten wir als Eltern noch, wo’s lang geht, nahmen unsere lieben Kinderlein an der Hand und zeigten Ihnen die große weite Welt. Inzwischen sind die Kinderlein weder klein, noch müssen wir sie an der Hand nehmen, sondern sie sind ihrerseits ganz schön in der Welt unterwegs und bereits an Orten gewesen, wo wir als Eltern vielleicht nie hin kommen werden. Aber sei’s drum: dass wir hie und da vielleicht sogar was „abgucken“ und uns inspirieren lassen, sei uns erlaubt. Und so kam’s dass ich mit meinen zarten 53 Jahren bis vor nicht all zu langer Zeit noch nie etwas von einer „food-tour“ gehört hatte. Unsere Jüngste jedoch machte eine solche, um auf diese Weise China und die lokale Küche besser kennen zu lernen (wir berichteten hier auf dem Blog bereits). Ich muss zugeben, das hat mich beeindruckt und begeistert. Und gleichzeitig war die Idee geboren, dass wir bei unserer Rom-Reise anlässlich unseres Hochzeitstages auch nach einer Food-tour Ausschau hielten. War auch überhaupt nicht schwierig. Wir landeten bei „Eating Italy“ in Rom (www.eatingitalyfoodtours.com; Facebook: www.facebook.com/eatingitaly). Buchung und Bezahlung im Voraus übers online-Anmeldeformular verlief problemlos und fortan wurden wir über die näherkommende Tour informiert und sogar noch per SMS informiert, als wir bereits in Rom waren. Vorbildlich sage ich nur!

Am Morgen des gebuchten Tages machten wir uns per Metro auf den Weg ins Viertel namens Testaccio. Später erfuhren wir von unserer liebenswerten Tourführerin, dass dies so was wie die größte antike Müllhalde Roms ist. Dieses Stadtviertel ist ein sehr ursprüngliches und anscheinend auch der Geburtsort der römischen Küche. Das liegt daran, dass in alter, sprich antiker Zeit Rom noch einen direkten Meerzugang hatte und sämtliche Lebensmittel über den Seeweg direkt in Testaccio angelandet wurden. Dadurch bildete sich in dies2016.04.01_Rom-163em Herzen Roms schon früh eine Markt-, Einkaufs- und Esskultur. Sehr viele der Lebensmittel wurden in tönernen Amphoren transportiert und auch gelagert. Nach Gebrauch wurden diese zerschlagen und die großen Scherben fein säuberlich aufgeschichtet. Dieser überdimensionale Scherbenhaufen speichert in seinem Innern ganzjährig eine sehr konstante, kühle Temperatur, die von Lokalen, Weinhandlungen etc. heute genutzt werden. Doch davon später mehr.2016.04.01_Rom-97

Sebastiana hieß unsere Begleiterin von eatingitaly, eine Italo-Amerikanerin, und wir sollten gemeinsam viel Spaß in den kommenden vier Stunden haben.

Unsere erste Station war „Volpetti Più“ in der Via Alessandro Volta 8. Ein kleines Lokal, eher eine Art Cafeteria in der wir “Pizza al taglio”, also Pizzaschnitten kennenlernten. Sie sollen hier zu den besten der Stadt gehören und sowohl die Pizza bianca, als auch die Pizza Margherita waren so schlicht wie köstlich.

Und während wir Sebastianas Erklärungen lauschten, gleichzeitig unsere ersten Essenseindrücke genossen, herrschte reger Publikumsverkehr mit Römern, die sich ebenfalls mit den Köstlichkeiten eindeckten.

Von dort ging es weiter zu „Volpetti“ in der Via Marmorata 47, einem Delikatessenladen, der gleichzeitig der Ursprung für die zuerst besuchte Cafeteria war. Ein so kleiner Laden, dass wir gar nicht gleich rein durften, sondern Sebastiana holte eine vorbereitete Platte mit verschiednen Käsen, Schinken und Salami zur Verkostung auf die Straße. Erst nachdem wir artig aufgegessen hatten, was jedoch niemandem schwer fiel, durften wir rein. Dieser Laden war ringsherum und bis unter die Decke voller Köstlichkeiten – ein einziger Traum. Zweierlei Aceto Balsamico durften wir ebenfalls verkosten und vor allem der im Bild rechts abgebildete war auch für jemanden, der sich noch nicht tiefer mit edlem Essig beschäftigt hat, eine Offenbarung! Die beiden Geschäftseigner, zwei Brüder, beide über 80 Jahre alt, stehen noch täglich im Laden.

Jetzt kam ein Szenenwechsel! Als dritte Station kam Süßes! Ebenfalls in der Via Marmorate, jedoch Nr. 41, findet sich „Barberini“, in unserer Beschreibung als „local bar“ bezeichnet. Für meine Begriffe eine vorzügliche Konditorei. Was der Römer neben einem Capuccino zum Frühstück nimmt, ist ein „Cornetti“, ein gefülltes Blätterteighörnchen. Sehr fein, kann ich nur sagen. Im Hotel, das wir für unseren Romaufenthalt bewohnten, gab es auch diese Teilchen. Sie kamen jedoch nicht an die von Barberini heran. Tiramisu ist ja auch bei uns weit verbreitet und bekannt. Jedoch als einzelner Happen im Schokoladentässchen dargereicht – das war schon was anderes!

Anschließend schenkte uns Sebastiana einige Minuten Ruhe und Erholung abseits dem Getriebe der Gassen, Straßen und Geschäfte. Der protestantische Friedhof bildet eine echte Oase der Stille obwohl ringsherum das Leben pulsiert. Etliche Künstler der Moderne sind hier beerdigt. Mir selber sagten die Namen des Malers Joseph Severn und des Schriftstellers John Keats zwar nichts, aber offensichtlich pilgern regelmäßig Menschen an diese Stätte um die Gräber zu besichtigen.

Weiter gings in den „Testaccio market“ in der Via Beniamino Franklin. Man befindet sich in Markthallen, die im Gegensatz zu fast allem in Rom eben nicht antik sind, sondern sogar noch recht jungen Datums, allerdings auf antikem Boden errichtet. Eine Öffnung im Boden der Hallen gibt den Blick frei auf eine alte Römerstraße, die im Untergrund verläuft. An diesem Ort könnte man sich allein stundenlang aufhalten, denn das Angebot ist dermaßen umfassend. Und neben Verkaufsständen gibt es auch reichlich Möglichkeit, direkt vor Ort zu essen. Und damit waren wir wieder beim eigentlichen Zweck unserer Tour. Die nächste Speise sollte ein überaus schmackhaftes Tomaten-Bruschetta sein. Zu diesem Zweck steuerten wir als erstes einen großen Stand mit einer unglaublichen Vielfalt von Obst und Gemüse an. dort wurden für uns ganz frisch Tomaten klein geschnitten und mit Ruccola vermischt. Einige Schritte weiter wurde Brot im Holzbackofen frisch gebacken. Frisch geröstete Scheiben wurden mit Olivenöl beträufelt und jeder durfte eine halbierte Knoblauchzehe darauf verreiben, dann die Tomatenmischung oben drauf – ein Hochgenuss!

Nur wenig weiter konnten wir die gleiche Tomatenmischung mit echtem Büffelmozarella kombinieren. Frischer Büffelmozarella! Nicht vakumiert oder im Plasitkbeutel mit Lauge gelagert, sondern frisch und sahnig, tags zuvor produziert und für den Genuss heute vorgesehen. Und so haben wir’s gemacht. Muss ich noch mehr dazu sagen?

Immer noch in den Markthallen ein weiterer Stand kam mein persönlicher Höhepunkt! Ein paar Schlucke eines Craftbeers aus dem römischen Umland – herrlich frisch, hopfig herb und unglaublich gut zu den Fleischbällchen, deren genauen Namen ich nicht mehr weiß. Sorry dafür und leider sind sie auf dem Begleitblatt, das wir als Erklärung für unsere Stationen erhielten nicht aufgeführt. Ausgerechnet! Aber ich kann Euch sagen: der Geschmack war der Oberhammer!

Anschließend ging’s zum Essen! Endlich! Ja, echt! So war das. Einige Minuten Fußmarsch später fanden wir uns in der Via di Monte Testaccio 97 bei „Flavio al velavevodetto“. Sebastiana berichtete uns die Geschichte dieses Restaurants. Flavio, der Eigner, konnte und wollte kochen, hatte jedoch das Geld nicht, ein eigenes Restaurant aufzumachen. Und in seinem Umfeld hat ihm das wohl auch keiner zugetraut. Das jedoch muss für den guten Flavio erst recht Ansporn gewesen sein. Er legte sich ins Zeug und eines Tages: „ich hab’s Euch ja gesagt“ so sagte er nicht nur, sondern das ist auch der Name seines Restaurants. Velavevodetto eben. Und im Lokal saßen wir tatsächlich im Innern des anfänglich erwähnten Scherbenberges in angenehmen Raumklima – Respekt an die alten Römer! Aufgetischt wurde römische Klassik: „Carbonara, Cacio e pepe und amatriciana“, zu deutsch also dreierlei Nudelgerichte. Dazu Wasser und Weine – Herz was begehrst du mehr!

Nicht dass wir schon fertig gewesen wären. Nein! Satt vielleicht schon, aber es ging weiter. „Trapizzino“ in der Via Giovanni Branca 88. Unscheinbar gelegen, jedoch ein echtes Szenelokal mit weithin bekanntem und beliebtem Streetfood. „Suppli“ sind golden frittierte Reisbällchen, die sich die Jungs und Mädels von Trapizzino in ihrer Perfektion haben quasi patentieren lassen. Wer hier essen will, muss durchaus mit Wartezeiten rechnen.

Was jetzt noch fehlte war ein angemessenes Dessert. Und wen wundert’s: die Tour war überlegt zusammengestellt und so endeten wir bei „Giolitti“ in der Via Amerigo Vespucci 35. Nicht dass italienisches Eis nicht auch bei uns ein hervorragender Ruf voraus eilt. Aber diese Eisdiele, die seit 1914 existiert, ist eine Klasse für sich. Von Sebastiana erfuhren wir, dass die überwiegende Mehrzahl der Eisdielen „Fake-Eis“ anbieten würden. Damit meinte sie Eis, das großteils als Fertigprodukt vor Ort nur noch aufbereitet wird. Hierzu wird es mit Luft aufgeschäumt und das Resultat sind die allseits bekannten Eisberge, die sich in den Kühltheken so vieler Eisdielen türmen. Echtes Eis ist eben nicht hoch aufgetürmt, auch über 20% schwerer als die „Luftnummer“ und zumindest was die beiden von mir gekosteten Sorten angeht eine Klasse für sich. Wer nach Rom kommt und ein gutes Eis will: unbedingt hingehen!

 

Hier war das Ende der Tour erreicht und alle Teilnehmer, ich betone ALLE, waren nicht nur restlos satt, sondern auch restlos begeistert. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen. EatingItaly bietet verschiedene Touren in Rom mit unterschiedlichen Schwerpunkten an. Auch in London, Amsterdam und Prag sind Touren im Angebot.

Nachdem alle anderen Tourteilnehmer das Lokal verlassen hatten, begaben wir uns an die Bar um als krönenden Abschluss noch einen Espresso zu nehmen. Mann, war das gut!!!!!!!!!!!!!

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9 Gedanken zu “Wenn Eltern von ihren Kindern lernen -oder: warum Reisen heute ganz anders bildet als früher

  1. In Rom war ich auch noch nie, so eine geführte Food-Tour hab ich auch noch nie mitgemacht…klingt ein wenig anstrengend, ich fühlte mich nach dem Lesen schon recht schwer. (g)

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